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Hausbau - eines der letzten Abenteuer
unserer Zeit
Es gibt Tage, an denen es dem Menschen
wirklich schlecht geht: Er nörgelt, er
schimpft und er hadert mit sich und seinen
Mitmenschen. Und dann gibt es Tage, an denen
es dem Menschen richtig gut geht, an denen
er meint, allergrößte Bäume ausreißen und
die Welt verändern zu können. Das
Selbstwertgefühl richtet sich auf und die
Überzeugung, alle Herausforderungen mühelos
meistern zu können, macht sich breit und
breiter. Probleme werden unbedeutend weil
bewältigbar, die Ängste schwinden, Übermut
bestimmt das Handeln und Denken.
In solchen Zeiten neigt der Mensch zu
Entscheidungen, die für ihn zuvor - und
davon war er schon immer überzeugt gewesen -
aus guten und wohl überlegten Gründen
niemals in Frage gekommen wären. Eine solche
Entscheidung ist: Wir bauen ein Haus.
Gedacht - gesagt - getan! Beratungen
eingeholt, Finanzierung gerechnet, scheinbar
alles hin und her überlegt und
durchkalkuliert. Mal im
Haus Forum
ein paar Tipps geholt. Prima! Nur: Der Übermut ist
angesichts der Realitäten etwas gewichen,
die Bäume, die man glaubte, ausreißen zu
können, sind schon etwas kleiner geworden.
Die Erfahrungen erweitern sich zunehmend und
sie lehren: Eigentlich sollten mehrere
Menschen nicht versuchen, miteinander ein
gemeinsames Haus zu bauen, und schon gar
nicht, wenn auch noch ein Architekt, nach
seinem Verständnis ein Künstler, ein
Freischaffender, mit von der Partie sein
muss. Die Küche etwas größer, das Esszimmer
etwas gemütlicher, zur Verschönerung der
Außenansicht ein Erker und um das allgemeine
Wohlbefinden zu steigern vielleicht dort
noch ein Zimmerchen mehr. Auf die paar
Quadratmeter kommt´s doch nun wirklich nicht
an, da noch einen
Parkett - man baut ja nicht alle Tage. Und dass
die nach vernünftiger Überlegung selbst
gesetzten Finanzierungsgrenzen etwas
fließend werden - was soll´s, wir schaffen
das schon.
Schließlich einigt man sich doch und das
gute Gefühl, mit der Lösung ein Stück
Gemeinsamkeit mehr gefunden zu haben drängt
wieder die in den Tagen zuvor deutlich
gewachsene Skepsis in den Hintergrund.
Doch Hausbau heißt: Höhen und Tiefen. Das
erste mal im eigenen Keller steh´n, das
Hochgefühl beim Richtspruch, das erste
Wasser aus dem Hahn, die erste Nacht im
neuen Heim. Die Höhen sind hoch - aber
die Tiefen sind auch wirklich tief. Schon
kurz nachdem der erste Handwerker die
Baustelle betreten hat stellt sich die
Frage: Zuerst zum Rechtsanwalt oder doch
besser zum Psychiater. Wieder und wieder
steht man vor der Entscheidung, entweder
mehr oder weniger zu akzeptieren, dass das
handwerkliche Produkt nicht immer den
eigenen Ansprüchen und schon gar nicht den
Werkplänen entspricht, oder darauf zu
drängen, dass alles wie gedacht und geplant
umgesetzt wird - mit der Folge, dass das
Haus sicher nicht zu Weihnachten, wenn man
Glück hat vielleicht zu Ostern bezugsfertig
sein wird. Es sind Sätze wie: "Das ist
überhaupt kein Problem! Das passt schon. Das
ist nicht mein Fehler, da müssen Sie mit dem
Kollegen sprechen", oder aber: "Ganz
bestimmt - morgen fangen wir an!", die
Zweifel aufkommen lassen, ob denn der eigene
psychische Zustand etwas angegriffen ist
oder ob man nur von den Fachmännern aus dem
Firmenverzeichnis
für etwas beschränkt gehalten wird.
HausplanungIrgendwann landet fast jeder bei der Achsel
zuckenden Erkenntnis: "Das ist eben Bau".
Dann sind die Bäumchen, die man glaubte
ausreißen zu können, zwar wieder etwas
kleiner geworden, aber dafür gelingt es
wieder besser, nachts ohne Alpträume durch
zu schlafen. Irgend wann werden sich die
Zweifel wieder legen und irgend wann finden
alle Bauherrn wieder zurück zu sich selbst.
Wenn sich erst einmal der Schlüssel im
Schloss der Tür zum eigenen Haus dreht ist
der meiste Ärger wieder fast vergessen. Und
wenn sich dann die ersten Blumen im eigenen
Garten zeigen, wächst auch wieder das arg
gelittene Gefühl, auch große Bäume ausreißen
zu können. Und dann ist es wie bei allen
Abenteuern: Wenn man mitten drin steckt
wünscht man sich, so schnell und so heil wie
möglich wieder raus zu kommen. Aber wenn man
erst einmal wieder draußen ist und die Sache
in der Nachschau betrachten kann, ist man
glücklich und stolz, sich durch den
Dschungel durchgekämpft , allen Widrigkeiten
getrotzt und allen Versuchungen, die Brocken
hinzuschmeißen, widerstanden zu haben.
Ich kann Ihnen nur empfehlen: Wagen Sie das
Abenteuer - es ist eines der letzten unserer
Zeit.
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